Nachtgedanken

Und manchmal, da ist auch mir nach erzählen, nicht nur schreiben

Er lag wach im Bett, sie schlief neben ihm.
Es war einer der Tage an denen die Gedanken ihn erdrückten, Bilder in wirrer Reihenfolge in seinen Kopf geschwemmt wurden und ihn daran hinderten zu schlafen.
Er dachte an das Leben, sein Leben und an das Ende des Lebens, wie einfach es doch manchmal wäre die Arbeit der Moiren überflüssig zu machen, seinen Lebensfaden selber zu durchtrennen.
Er dachte darüber nach wie dies wohl am einfachsten zu bewerkstelligen sei und wie überflüssig Götter sich in diesen Tagen wohl vorkommen mussten, noch überflüssiger als der einzelne Mensch als sich, ohne Bedeutung.
Und welch Verschwendung es wäre nur seinen Faden zu durchtrennen ohne einige von den anderen, jene die das Leben und diesen Planeten so in den Dreck ziehen, mitzunehmen.

Er dachte darüber nach wie sein Körper funktionierte, zu welchen Leistungen er fähig war, welche unglaubliche Leistung das Gehirn vollbringen konnte. Auch in seinem Gehirn, so glaubte er, gab es eine ganze Abteilung von Zellen die nur dafür zuständig war seine Erinnerungen zu schönen, über alles eine Art Weichzeichner zu legen, so dass die Erinnerungen nachher alle so kitschig-schön waren wie ein Bild von Bob Ross. Anders, so war er sich sicher, konnte der Mensch das Leben nicht ertragen.

Auf der anderen Seite wusste er, dass Menschen, wie alle Lebewesen, schneller aus schlechten Erfahrungen lernten (wenn auch nicht unbedingt besser). Vom Standpunkt der Evolution gesehen sicherlich sinnvoll. Es war halt auch vor Tausenden von Jahren schon wichtig schnell zu lernen, dass Säbelzahntiger zwar vielleicht süss aussehen mögen aber trotzdem auch eine Gewisse, nicht von der Hand zu weisende, Gefahr von ihnen ausging. Er dachte über die Evolution nach, fand es erstaunlich wozu die Lebewesen es gebracht hatten, welche Nischen sie füllen konnten, dachte an die Kreationisten, die ihn für seine Gedanken auslachen würden. Sollten sie doch ihren Unfug glauben, was interessierte es ihn.

Wie konnte dies funktionieren? So gegensätzliche Prinzipen? Zum einen musste es da diese ganze Horde Zellen im Hirn geben die zu nichts anderem abgestellt waren als unsere Erinnerungen in ein besseres Licht zu rücken, zum anderen blieben gerade all die negativen Erfahrungen hängen.

Buffer-Overflow, dachte er und konnte sich bei dem Gedanken ein schmunzeln nicht verkneifen.
So musste es sein, irgendwann reichte die Armee der Weichzeichner einfach nicht mehr aus um alle Eindrücke zu verarbeiten. Und dann wird einem wohl irgendwann klar, dass seine schönen Erinnerungen wohl nichts wert sind, Selbsttäuschung. Wenn auch eine ziemlich Erfolgreiche, zumindest eine zeitlang. Und dann würde man wohl an dem Punkt stehen an dem er gerade war, er scheute sich es Realität zu nennen, zu lange hatte die Täuschung funktioniert.

Er dachte an die Liebe, seiner Meinung nach musste es dort das gleiche antagonistische Prinzip geben, die “Rosarote Brille” wie manche sie wohl nennen würden, doch auch die würde irgendwann Risse bekommen, ihre Farbe verlieren und einen Blick auf die Realität preisgeben, wenn auch nur langsam.

Er fühlte sich träge, leer, als er dies dachte. Immer wieder schwemmten die gleichen Gedanken in seinem Kopf.
Neben ihm schlief sie immer noch, die Augen fest geschlossen, ein friedlicher Anblick.
Die Leere verdrängte langsam jeden Gedanken in seinem Kopf, die Kälte die durch die offene Tür hereinkam bemerkte er nicht. Was blieb vom Menschen wenn man ihm die Gefühle nahm, nur nüchterne Gedanken blieben?

Nun setzte er sich auf, hatte einen Entschluss gefasst. Ein Schnitt - längs, nicht quer - den Oberarm entlang.
Er beobachtete wie das Blut langsam aus dem Schnitt kam, spürte ein leichtes ziehen, sein Körper setzte Adrenalin frei, eine natürliche Reaktion des Körpers, langsam spürte er das stechen in seinem Arm, Gefühl.

Einige Sekunden lang fühlte er, dann verband er den Schnitt, zog sein T-Shirt an und schaute sie kurz an, dann legte er seinen Kopf auf ihre Schulter und schlief ein.

1 Comment »

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  1. die welt an sich ist weichgezeichent… um die nackte realität in all ihrer bestechenden schlichtheit wahrzunehmen musst du gin mit sprite trinken….

    Comment by trms — 25. November 2005 @ 3:22 pm

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